Medizinische Doktorarbeit – dein Weg zum Dr. med.

Nach sechs Jahren Medizinstudium hat man endlich die Approbation in der Tasche. Damit darf man sich Arzt bzw. Ärztin nennen. Doch um zusätzlich den Titel Dr. med. zu tragen, ist eine medizinische Doktorarbeit erforderlich. Aber ist das überhaupt sinnvoll? Wie hoch ist eigentlich der Arbeitsaufwand? Und welche grundsätzlichen Typen lassen sich unterscheiden? Um das alles und noch viel mehr zu erfahren, bist du hier genau richtig.

Doktorarbeit – Ja oder nein?

Spätestens in der zweiten Hälfte des Studiums kommt bei vielen Medizinstudierende die Frage auf: Soll ich eine Doktorarbeit machen? Was spricht denn dafür? Was dagegen? Prinzipiell ist eine medizinische Doktorarbeit für die Ausübung des Berufs keineswegs erforderlich. Ob du den Titel anstreben solltest oder nicht, hängt neben persönlicher Ambition und Neigung vor allem von deinem späteren Karriereziel ab.

JA zur Doktorarbeit

Falls du später eine steile medizinische Karriere hinlegen möchtest, kann dir der Titel Dr. med. viele Türen öffnen. Falls du eine leitende Position an einer Klinik, oder einer Universität anstrebst oder (weiterhin) in der Forschung involviert sein möchtest, solltest du eine medizinische Doktorarbeit in der Tasche haben. Prinzipiell macht sich der Titel auch bei der Bewerbung gut. Das gilt vor allem für beliebte Häuser oder begehrte Fachbereiche. Hier sind nämlich die verfügbaren Stellen stark limitiert. Außerdem erhältst du einen spannenden Einblick in die medizinische Forschung, der dir im Studium größtenteils verwehrt wird. Du arbeitest dich zudem in Methoden der wissenschaftlichen Recherche und des wissenschaftlichen Arbeitens ein. All dies kann dir helfen, um später leichter medizinisch auf dem allerneusten Stand zu bleiben.

NEIN zur Doktorarbeit

Du möchtest später in einem kleinen Krankenhaus arbeiten? Oder schnellstmöglich den Weg in die eigene Praxis einschlagen? Sofern das für dich von vornherein feststeht, ist der Dr. med. für dich nicht zwingend notwendig. Dann kannst du deine Zeit auch mit anderen spannenden Dingen füllen. Der Aufwand einer Doktorarbeit darf nämlich auf keinen Fall unterschätzt werden! Außerdem muss klar betont werden, dass der Titel wenig bis gar nichts über deine fachliche Eignung und den empathischen Umgang mit Patienten aussagt.

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Die vier Typen der medizinischen Doktorarbeit

Du hast dich für eine medizinische Doktorarbeit entschieden? Dann geht es im nächsten Schritt um die Frage, welchen Typ du wählst. Grundsätzlich lassen sich vier verschiedene Typen unterschieden. Doch welcher ist der Richtige für dich? Neben persönlichem Interesse und Eignung ist auch das spätere Berufsziel entscheidend. Im Folgenden erhältst du einen kurzen Überblick.

1. Experimentelle Doktorarbeit

Bsp. „Ein neues Medikament x wird an Versuchstieren hinsichtlich einer Änderung des Blutdrucks untersucht“

Bei einer experimentellen Doktorarbeit führst du, wie der Name schon sagt, eigenständig Experimente durch. Genauer gesagt betreibst du Grundlagenforschung im Labor. Hierbei werden Patientenmaterialien z. B. Blut oder Gewebe, aber auch Zellkulturen oder Tiere auf eine bestimmte Fragestellung hin untersucht. Die gestellte Hypothese wird also selbst anhand eigenständig erhobener Daten überprüft. Diese Form der medizinischen Doktorarbeit ist die aufwendigste aller vorgestellten Typen. So passiert es nicht selten, dass sich das Studium auf ein bis drei Semester verlängert. Man gelangt häufig an einen Punkt, wo die Versuche nicht verlaufen, wie man es sich vorgestellt hat. Zum Teil kommt es somit zu erheblichen Verzögerungen. Gleichzeitig erlangt eine experimentelle Doktorarbeit mit Abstand das höchste Ansehen. Die Chancen auf eine ausgezeichnete Benotung stehen hier sehr gut.

Du verfügst über ausreichend Durchhaltevermögen und eine hohe Frustrationstoleranz? Gleichzeitig bringst du Experimentierfreude und Spaß am eigenständigen Arbeiten mit? Dann hast du mit einer experimentellen Doktorarbeit einen tollen Fang gemacht. Oder möchtest du später aktiv in Wissenschaft und Forschung tätig sein? Bzw. nimmst du dir eine leitende Position an einem großen (Universitäts-) Klinikum zum Ziel? Dann empfehle ich dir ebenfalls eine experimentelle Doktorarbeit anstreben.

  • Eigenständige Datenerhebung: Ja
  • Zeitaufwand: Hoch
  • Wer? Wissenschaftliche Karriere, akademische Laufbahn, leitende Position an einem großem (Universitäts-) Klinikum

2. Klinische Doktorarbeit

Bsp. „Einer Patientengruppe wird ein neues Medikament x über einen bestimmten Zeitraum verabreicht und der Blutdruck wird währenddessen dokumentiert. Gibt es Unterschiede zu einer Vergleichsgruppe, die das Medikament x nicht erhalten hat?

Bei diesem Typ Doktorarbeit ergründest du eine Fragestellung anhand einer klinischen Studie. Hier können z. B. verschiedene Therapien miteinander verglichen werden. Prinzipiell lassen sich zwei Arten unterscheiden. Bei einer prospektiven Studie erhebst du die Daten selbst. Dahingegen werden bei einer retrospektiven Studie Daten aus bereits bestehenden Patientenakten herangezogen.

Hast du Spaß am direkten Patientenkontakt? Kannst du es kaum erwarten, am Klinikalltag teilzunehmen und erste praktische Erfahrungen zu sammeln? Dann könnte eine prospektive klinische Doktorarbeit genau das richtige für dich sein. Gleichzeitig solltest du eine hohe zeitliche Flexibilität mitbringen. Viele Studien laufen außerdem über zwei bis drei Jahre. Es ist also mit einem mittleren bis hohen Zeitaufwand zu rechnen.

Dahingegen ist eine retrospektive Datenauswertung wesentlich planbarer und weniger zeitaufwendig. Du hängst in der Regel von leichter kalkulierbareren Faktoren ab. Gleichzeitig bist du auf eine gute Qualität der vorliegenden Daten angewiesen. Und manchmal kann das stundenlange alleinige Auswerten von Akten auch recht langweilig werden.

  • Eigenständige Datenerhebung: Ja und nein
  • Zeitaufwand: Mittel bis hoch
  • Wer? Akademische Laufbahn, leitende Position an einem Klinikum

3. Statistische Doktorarbeit

Bsp. „Hatte Medikament x einen Einfluss auf den Blutdruck? Hier werden Daten aus einer bereits durchgeführten Studie mit jenen aus der medizinischen Literatur verglichen“

Bei einer statistischen Doktorarbeit erhebst du keine eigenen Daten. Diese wurden bereits von der Klinik im Rahmen einer Studie gesammelt. Deine Aufgabe liegt in der statistischen Analyse. Gleichzeitig vergleichst du den analysierten Datensatz mit ähnlichen Arbeiten aus der medizinischen Literatur.

Ist nun eine statistische Doktorarbeit das richtige für dich? Da bereits alle Daten erhoben sind, ist mit wenig Warte- bzw. Ausfallzeiten zu rechnen. Der Zeitaufwand ist somit besser kalkulierbar. Doch kann das Arbeiten recht monoton und langatmig werden. Du verbringst sehr viel Zeit mit lesen und analysieren und bist kaum praktisch aktiv. Gleichzeitig bist du auch hier auf die Qualität der vorliegenden Daten angewiesen. Das Ansehen einer statistischen Arbeit ist in der Regel geringer. Die Benotung fällt üblicherweise schlechter aus. Sofern du dir bereits sicher bist, später an einem kleinen Haus oder gar in einer eigenen Praxis zu arbeiten, ist eine statistische Arbeit vollkommen ausreichend.

  • Eigenständige Datenerhebung: Nein
  • Zeitaufwand: Mittel
  • Wer? Kleines Krankenhaus, eigene Praxis

4. Theoretische Doktorarbeit

Eine theoretische Doktorarbeit kann weit über Themen der klassischen Medizin hinausgehen. Mögliche Gebiete sind die Medizingeschichte, Medizinethik oder medizinische Informatik. Auf der Basis bereits bestehender Forschung wird eine neue Arbeit im Rahmen einer Literaturstudie erstellt.

Was spricht dafür, was dagegen? Vorteilhaft ist die große zeitliche und örtliche Unabhängigkeit. Gleichzeitig ist der Zeitaufwand recht überschaubar. Die Nachteile entsprechen weitgehend der einer statistischen Doktorarbeit.

  • Eigenständige Datenerhebung: Nein
  • Zeitaufwand: Gering
  • Wer? Kleines Krankenhaus, eigene Praxis

Ein kurzer Überblick

Für welchen Typ du dich letztendlich entscheidest, hängt von verschiedenen Faktoren hab. Neben persönlichem Interesse und Eignung spielt auch der angestrebte Berufsweg eine bedeutende Rolle. Hier ein kleiner Überblick:

Möchtest du später aktiv in Wissenschaft und Forschung involviert sein? Vielleicht strebst du sogar eine Habilitation an? Reizt dich eine akademische Laufbahn oder möchtest du gar eine leitende Position an einem großen Klinikum innehaben? Eine experimentelle Doktorarbeit könnte dann genau das Richtige für dich sein. Falls vor allem die letzten zwei Punkte für dich wichtig sind, könnte auch eine klinische Doktorarbeit gut zu dir passen. Falls es dir hauptsächlich um den Titel geht, du keine großen Karriereambitionen aufweist oder dich baldmöglichst im ambulanten Setting siehst, kann eine statistische oder theoretische Doktorarbeit für dich absolut ausreichend sein.

Die Wahl des richtigen Fachbereichs und Themas

Wähle deinen Fachbereich mit Bedacht. Denn möglicherweise öffnet dir die Promotion bereits eine Tür für deine künftige Assistenzarztstelle. Vielleicht weißt du bereits, in welchem Bereich du dich später siehst? Dann mache deine medizinische Doktorarbeit am besten in genau diesem Fach. Und allen, die noch nicht wissen, wohin ihre Reise einmal gehen wird, sind grundlagenorientierte Fächer zu empfehlen.

Bei der Themenwahl solltest du deine persönliche Neigung nicht außer acht lassen. Entscheide dich für das, wofür dein Herz am lautesten schlägt. Denn: Wissensdurst stärkt Arbeitseifer! Eine medizinische Doktorarbeit ist mit viel Aufwand verbunden. Du solltest nichts nachgehen, wofür du dich nur wenig begeistern kannst. Nach erfolgreicher Bewerbung schlägt dir dein potenzieller Betreuer meist konkrete Arbeiten vor. Aber natürlich kannst du dich auch selbst in das betreffende Forschungsgebiet einlesen und eigene Themen vorschlagen.

Beratungsprozess
Dein Weg zu uns

Alles zum Thema Bewerbung und Vorgespräch

Du hast dich für ein Fachbereich bzw. eine Arbeitsgruppe entschieden? Dann kontaktiere am besten direkt den entsprechenden Verantwortlichen. Erkläre deine Motivation für den Fachbereich und das Forschungsgebiet. Vergiss nicht deinen Lebenslauf und deine Zeugnisse einzufügen. Das macht gleich einen viel professionelleren Eindruck!

Sofern du zu einem Vorgespräch eingeladen wirst, solltest du unbedingt folgende Dinge klären:

Allgemeines:

  • Sind das Thema und die Fragestellung klar formuliert?
  • Ist die Methode zur Datenerhebung bereits etabliert?
  • Gibt es bereits einen konkreten Fahrplan inklusive Projektbeschreibung?
  • Werden eine oder mehrere Veröffentlichungen angestrebt? Ist hier die Frage der Autorenschaft geklärt?

Zeit:

  • Ist der zeitliche Rahmen abgesteckt?
  • Welche Arbeitszeit wird erwartet?
  • Wird ein Freisemester vorausgesetzt?

Betreuung:

  • Wie (gut) ist der:die Betreuer:in erreichbar?
  • Ist eine langfristige Betreuung gewährleistet?
  • Werden noch weitere Doktoranden betreut? (Falls ja, empfehle ich sich den entsprechenden Kontakt vermitteln zu lassen, um in direkten Austausch mit den Doktoranden treten zu können)

Gut vorbereitet ist halb gewonnen

Falls du dich bereits vor Stellenantritt in das Themengebiet einarbeitest, solltest du dir hilfreiche Quellen gleich notieren. Hierfür sind sogenannte Literaturverwaltungsprogramme sehr zu empfehlen. So musst du später während der Schreibphase nicht erneut das Suchen beginnen, sondern hast gleich alle Quellen zur Hand. Gut sortiert verlierst du außerdem nicht so schnell den Überblick.

Außerdem ist es hilfreich, wenn du gleich von Anfang an ein ordentliches Laborbuch führst. Hier dokumentierst du alle Schritte deiner Datenerhebung. Das erleichtert dir den späteren Schreibprozess enorm. Denn wenn erst einmal etwas Zeit verstrichen ist, bist du um jeden Versuchsaufbau, jedes Studienschema, jede Idee und jede Überlegung dankbar, die du damals dokumentiert hattest.

Zusätzlich sollten dein:e Betreuer:in und du zeitnah eine Betreuungsvereinbarung unterzeichnen. Hier werden eure beidseitigen Rechte und Pflichten festgelegt. Letztendlich handelt es sich hierbei um die einzige schriftliche Absicherung, die du während deiner Arbeitsphase in der Hand hältst.

Grundlegendes – Beginn, Dauer, Schreiben, Umfang

Ich empfehle dir: beginne so früh wie möglich! Am Ende dauert alles (fast) immer länger, als anfangs erwartet. Am besten schaust du dich bereits nach dem Physikum um. Denn so ist es realistisch, dass du vor Antritt deiner Assistenzarztstelle bereits den Großteil der Arbeit abgeschlossen hast.

Die Dauer einer medizinischen Doktorarbeit ist sehr schwer zu pauschalisieren. Der Aufwand hängt stark vom Typ und Komplexität des Themas ab. Arbeitest du alles am Stück ab, etwa in den Semesterferien oder im Rahmen eines Freisemesters? Oder steckst du dir einen festen zeitlichen Rahmen pro Woche? Pi mal Daumen beträgt der Zeitrahmen in etwa ein bis vier Jahre.

Sobald alle Daten gesammelt sind, kanns endlich ans Schreiben gehen. Einzig und allein den Material- und Methodenteil kannst du gut bereits während der Datenerhebung verfassen. Das empfehle ich dir sogar! Denn nie hast du deine Arbeitsweise so präsent im Kopf wie zum Zeitpunkt der Datenerhebung. Die formalen Vorgaben bezüglich Schriftart und -größe oder Zeilenabstand entnimmst du den Richtlinien deiner Fakultät. Hieran solltest du dich unbedingt halten, um dir späteren Ärger zu ersparen.

Der Umfang hängt letztendlich sehr vom Typ und Thema deiner Arbeit ab. Zwischen 50 und 300 Seiten ist alles möglich. In der Regel umfasst eine medizinische Doktorarbeit ca. 100 Seiten. Sprich dich vor Schreibbeginn mit deinem Betreuer ab, um später keine bösen Überraschungen zu erfahren.

Ich hoffe, dass ich dir einen hilfreichen Überblick zum Thema medizinische Doktorarbeit liefern konnte. Egal wofür du dich entscheidest, bewahre dir ein ausreichendes Maß an Geduld und Frustrationstoleranz. Mit Verzögerungen und Rückschlägen ist (fast) immer zu rechnen. Umso stolzer kannst du sein, wenn du deine Arbeit am Ende erfolgreich gemeistert hast! Auf diesem Weg wünsche ich dir alles Liebe und Gute

Marleen
Medizinstudentin an der Universität Würzburg und Campus Captain bei jungmediziner.de

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