Corona-Impfung: Interview mit einer Impfärztin

Die Corona-Impfung ist derzeit von hohem gesellschaftlichem Interesse. Viele Mediziner fragen sich, wie es ist, als Impfarzt*ärztin tätig zu sein. Deshalb haben wir uns für euch mit einer Impfärztin unterhalten.

Corona-Impfung – FAQ’s über die Tätigkeit als Impfärztin

Wie bist du dazu gekommen in einem Impfzentrum zu arbeiten?

Da das Thema COVID-19 und dessen Prävention und Management hochaktuell ist und sich die Impfzentren deutschlandweit nach und nach etablieren, war und ist der Bedarf an medizinischem Personal sehr hoch. Im November letzten Jahres schloss ich mein Humanmedizinstudium in Würzburg ab und erfuhr, dass auch in Hessen Impfzentren errichtet würden. Ich bewarb mich.

Seit wann arbeitest du dort?

Seit Start des Impfzentrums (19.01.2021) bin ich dabei. 

Wie lange wirst du noch dort arbeiten?

Persönlich strebe ich die Weiterbildung zur Fachärztin in meinem Wunschfach HNO an. Über ein Stipendium bin ich zudem verpflichtet, meine ersten zwei Jahre als Assistenzärztin in meiner Heimat zu absolvieren. Da die HNO-Abteilung in meiner Wunschklinik sehr klein ist, gibt es aktuell keine freie Stelle. Daher nutze ich die Zeit im Impfzentrum als Übergang.

Wie sieht ein klassischer Arbeitstag aus?

Aktuell sind die Impfzentren aufgrund knapper Impfstoff-Ressourcen nicht ausgelastet. Geimpft wird also von 9:00 bis 18:00 Uhr. 

Jeder Morgen beginnt mit einem Antigen-Schnelltest. Die Impfteams, die jeden Tag variieren, werden den jeweiligen Kabinen zugeteilt. Ein Team besteht aus einem Arzt oder einer Ärztin und einem*einer medizinischen Fachangestellten. Eine Kabine für das ärztliche Aufklärungsgespräch ist jeder Impfkabine vorgeschaltet. Ein*e Patient*in passiert zuerst die Security. Hier erfolgt eine Temperaturmessung. Daraufhin wird der*die Patient*in registriert. Lotsen leiten die Patienten*innen zu den freien Kabinen. 

Im Aufklärungsgespräch überprüfen wir zunächst die Impf-Indikation gemäß Impfordnung. Außerdem entscheiden Vorerkrankungen, Medikamente, aktueller gesundheitlicher Zustand, Schwangerschaft etc. über die Indikation zum Impfen. In Einzelfällen muss individuell abgewogen werden. Sofern alle Fragen geklärt sind, geht’s weiter zum Impfen in den nächsten Raum. Die Durchführung der Corona-Impfung wird meist delegiert, sodass nächste Patienten*innen aufgeklärt werden können.

Was gefällt dir an deiner Arbeit am besten?

Mir gefällt, dass man im Kontakt zu Patienten*innen steht und über Austauschmöglichkeiten verfügt. Ich begegne überwiegend Ü80-Patienten*innen, die häufig Ruhe, Zufriedenheit und auch Weisheit ausstrahlen. Diese Eigenschaften schätze ich besonders an älteren Menschen.

Außerdem durfte ich im Impfzentrum bisher ganz liebe Kollegen und Kolleginnen kennenlernen. Es macht Spaß, mit allen zu arbeiten und durch den täglichen Teamwechsel lernt man alle kennen. 

Corona-Impfung
Corona-Impfung

Wie nehmen die Patienten/innen Eure Arbeit auf?
Sind sie glücklich, endlich geimpft zu werden? 

Die Mehrheit ist tatsächlich unheimlich dankbar. Eine spürende Wertschätzung, die häufig mit lieben Worten bekräftigt wird. Oftmals sind die Patienten*innen sehr nervös, weil sie nicht wissen, was sie erwartet und weil Medien zum Teil kontroverse Informationen rund ums Thema Impfung und COVID-19 generieren. Einige haben fürs Impfen seit Beginn der Pandemie das erste Mal ihr Haus verlassen. Das ist natürlich aufregend. Die Patienten*innen präsentieren sich überwiegend entschlossen und haben sich meist vorab eingehend belesen und informiert. 

Dass durch wissenschaftliche Ambitionen so schnell hocheffektive Schutzimpfungen zur Verfügung stehen, ist in meinen Augen eine große Errungenschaft. Betrachtet man diesen Erfolg vor dem Hintergrund der Pandemie, sollte man die Impfung als Lichtblick auffassen. Sie erniedrigt die Hospitalisierungsrate, wendet häufiger fulminante Verläufe ab und schützt vor Long-COVID. Jede immune Person trägt zur Eindämmung der Virusverbreitung bei und somit zur Senkung von Virus-Replikationen. Bei jeder Replikation können Fehler auftreten, die letztlich zur Entstehung von Mutanten beitragen. Israelische Studien geben Hoffnung darauf, dass auch die SARS-CoV-2-Übertragbarkeit nach BioNTech-Impfung eine geringere sein könnte. Eine Corona-Impfung ermöglicht es daher, Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung und der eigenen Person zu übernehmen.

Treten häufig Impfreaktionen auf?

Direkt nach einer Corona-Impfung beginnt das Immunsystem zu arbeiten und Antikörper zu produzieren. Durch diese Immunaktivierung erklärt es sich von selbst, dass man sich nach einer Impfung erschöpft und müde fühlen kann. Eine offene Kommunikation über mögliche Nebenwirkungen ist essenziell für eine Vertrauensbasis und eine hohe Impfakzeptanz im Kampf gegen die Pandemie. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) listet mögliche Nebenwirkungen aufgrund der Corona-Impfung auf und aktualisiert diese fortlaufend. Dem aktuellen Sicherheitsbericht ist zu entnehmen, dass zum Beispiel das Risiko für Anaphylaxie bei 1 bis 10:100.000 liegt (Quelle: PEI, Dreskin CD et al.). Gemeldete Reaktionen nach einer Impfung mit Comirnaty (BioNtech) sind vorwiegend vorübergehende Lokal-reaktionen, Cephalgien, febrile Temperaturen oder Müdigkeit. Im Gesamten wird die Corona Impfung gut vertragen, was wir aus bisheriger Erfahrung bestätigen können. Erste AstraZeneca-Impfungen wurden bereits durchgeführt und ebenfalls gut vertragen.

Bist du selbst schon geimpft?

Ja und ich hab’s gut vertragen :)

Corona-Impfung - Interview mit einer Impfärztin
Corona-Impfung – Interview mit einer Impfärztin

Du hast als Jungmedizinerin bereits viel erlebt u.a. ein PJ in Tansania. Würdest du sagen, dass dich dein Einsatz im Impfzentrum noch einmal in deiner Persönlichkeitsentwicklung vorangebracht hat?

Ich denke, dass jede Begegnung und jede Tätigkeit auf ihre Art dazu beitragen, sich zu verändern, sich zu reflektieren und Dinge neu einzuordnen. Diesbezüglich empfinde ich es als bereichernd, nun endlich als Ärztin Erfahrung zu sammeln. Als Studentin im praktischen Jahr erlebt man natürlich Einiges und steht stets mit Patienten*innen in Kontakt. Alles geschieht jedoch unter der Obhut eines Arztes oder einer Ärztin. Diese Instanz, diese Sicherheit ist nun nicht mehr so gewährt. Hinzu kommt eine große Verantwortungskomponente. Man entscheidet in bestimmten Situationen und übernimmt für dies volle Verantwortung. Das Bewusstsein hierfür wächst mit jeder neuen Erfahrung. 

Da die Impfung von Ü80-Patienten*innen priorisiert wird, begegnen wir täglich vielen Menschen mit multiplen Vorerkrankungen. Dies stellt in dem Sinne eine Herausforderung dar, da stets mit Notfallsituationen und akutem Handlungsbedarf gerechnet werden muss. Eine Patientin präsentierte sich zum Beispiel vor ihrer geplanten Impfung mit verwaschener Sprache und diskret herabhängendem Mundwinkel. Eine solche Situation als Notfall zu identifizieren und umgehend eine Behandlung einzuleiten, ist von großer Bedeutung. 

Ich denke nicht, dass sich meine Persönlichkeit durchs Impfen, also durch die Tätigkeit als Impfärztin, verändert hat. Dennoch werden täglich neue Impulse gesetzt, die uns im Leben und im Beruf helfen, neu zu bewerten und zu lernen. Das trägt langfristig sicherlich zu einer Persönlichkeitsentwicklung, -veränderung bei. 

Was waren für dich deine bisherigen Highlights? Gibt es ein spezielles Erlebnis, das du mit anderen Jungmedizinern teilen möchtest?

Die Universität Würzburg hat uns als Überraschung wegen des entfallenen Examensgottesdienstes ein gebundenes Buch zugeschickt, in welchem eine Festschrift zu lesen war. Beim Hereinschauen zierte die Neubaukirche die erste Seite und es begann mit: „Stell‘ dir vor, du sitzt in der Neubaukirche, stell‘ dir vor, du sitzt da in Abendkleid oder Anzug …“ in diesem Moment habe ich mich unglaublich gefreut und hatte auch etwas Gänsehaut. Auch das Ärztegelöbnis (Deklaration von Genf) durfte nicht fehlen. Trotz der durch COVID geschuldeten Einschränkungen zeigt diese liebe Geste, dass es auch andere Wege gibt, Freude in diesen Zeiten zu teilen.

Highlights im Impfzentrum sind tatsächlich manchmal die schönen Erlebnisse mit Patienten*innen. Eine nette Dame betrat eines Arbeitstages meine Kabine. Ich schätzte ihr Alter auf Ende 60, allenfalls 70 Jahre. Doch sie war 90 Jahre und erzählte mir: „Ich kenne BBC und CNN, da bin ich immer gut informiert und das hält mich jung.“ Ein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. Eine andere hochbetagte Patientin fragte ich, was ihr Tipp sei, um gesund zu bleiben. Die Antwort wurde mir flüsternd zugetragen: Zwiebelsuppe. Vermutlich ein Geheimtipp. Andere Patienten*innen Ü80 erzählen, jeden Tag viele Kilometer Fahrrad zu fahren oder bis zu 10 km täglich zu laufen. Manch ein Jugendlicher könnte sich eine Scheibe davon abschneiden. 

Hast du ein paar Tipps für andere Jungmediziner, die derzeit am Anfang Ihres Studiums sind? Egal zu welchem Thema, z.B. lernen, Prüfungsstress, Nebenjob.

Retrospektiv war das Studium gar nicht so easy, wie man eventuell zu Beginn dachte. Besonders die Dominanz der naturwissenschaftlichen Fächer in der Vorklinik ließen einen manchmal darüber zweifeln, ob man das richtige Studienfach gewählt hat. Orbitalmodelle malend und physikalische Gleichungen lösend, fragte man sich, wo der Bezug zur Medizin bestand. Doch mit der Zeit lernte man, auch für nicht favorisierte Fächer, Lernmotivation aufzubringen. 

Man wächst immer mit seinen Herausforderungen und entdeckt Potenzial, das man manchmal selbst nicht erahnt hätte. Manchmal muss man über den eigenen Schatten springen, aus der Komfortzone hinaus, sich immer wieder aufs Neue motivieren, auch wenn die Lust nicht da ist. Auch das lernt man denke ich mit der Zeit automatisch. So schlimm ist es dann auch eigentlich gar nicht mehr. Ich denke auf jedem Weg, den man einschlägt, gibt es Steine und Zeiten, die anstrengender sind. Im Gegenzug aber auch viele positive Momente mit Zuversicht. Außerdem ist es wichtig, auf den eigenen Körper zu hören und bewusst Kraft zu tanken. Ich bin super dankbar, meine Familie und meine Freunde an meiner Seite zu wissen, die mir durch ihre innige Verbundenheit immer wieder motivierend zur Seite standen.

Bereichernd waren zudem die Erfahrungen durch Nebenjobs. Ich arbeitete während der Studienzeit in Würzburg im Schlaflabor einer HNO-Praxis, habe bei einer E-Learning-Plattform mitgewirkt und war Tutorin im anatomischen Präparier-Kurs und in der Lehrklinik. Man vertiefte dadurch medizinische Sachverhalte und lernte auch semester-übergreifend Kommilitonen*innen kennen. In meiner Heimat bediente ich regelmäßig noch in der Gastronomie.
Hier stand auch das Arbeiten mit betreuten Menschen mitunter im Vordergrund. Bedient habe ich eigentlich schon immer sehr gerne, das machte einfach Spaß. Man steht mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Charakteren im Kontakt, was bestimmt auch zur Menschenkenntnis eines jeden beiträgt. Und genau das finde ich sehr wichtig auch im Patientenkontext: Man sollte jeden Patienten und jede Patientin individuell abholen, behandeln und einschätzen können.

Das Medizinstudium birgt sicherlich auch die Gefahr, viel Raum einzunehmen. Prüfungen, Lernen und medizinische Inhalte werden schnell zu einem omnipräsenten Thema im eigenen Alltag und im Austausch mit Freunden. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder auch für andere Hobbies und Interessen zu begeistern. Die Studienzeit bietet weitaus mehr als nur Medizin. 

Was sind deine nächsten Schritte als Medizinerin?

Aktuell beschäftige ich mich mit der Fertigung meiner Dissertation. Während des Studiums habe ich ein halbes Jahr im Labor geforscht, um die nasoepitheliale Barriere nach in-vitro-Exposition mit dem Luftschadstoff NOzu untersuchen. 

Eines meiner PJ-Tertiale habe ich in der HNO-Abteilung absolviert. Hier habe ich gemerkt, dass mir das Fach schlichtweg Spaß macht. Ich kann mir daher gut vorstellen HNO-Ärztin zu werden. Das Fach hat mich bereits im Studium fasziniert. Man hat ein junges und älteres Patientenkollektiv zugleich, man kann konservativ oder operativ, klinisch oder im niedergelassenen Bereich praktizieren und man kann sich vielfältig spezialisieren. Diese Diversität macht die Hals-Nasen- und Ohrenheilkunde für mich total attraktiv. 

Was möchtest du uns noch mitteilen?

Ich vermute, dass die meisten aus dem Willen heraus Medizin studieren, um Menschen zu helfen oder Leben retten zu können. Die Begeisterung begleitete mich durchweg während des Studiums. Schnell merkt man jedoch, dass in der heutigen Medizin nicht nur diese Absichten gehegt werden. Im Mittelpunkt stehen oft wirtschaftliche Aspekte und eine von ökonomischen Zwängen geprägte Medizin. Dadurch resultieren qualitative Unterschiede und Veränderungen in Diagnostik und Therapie. Ein stationärer Aufenthalt wird zum Beispiel nur so lange aufrechterhalten, wie er auch lukrativ ist. Monetäre Anreize beeinflussen daher die Behandlung der Patienten*innen. Folge sind Behandlungsfehler, Komplikationen, Unzufriedenheit auf beiden Seiten.

Jedem Menschen sollte die beste medizinische Expertise und gesundheitliche Hilfe angeboten werden unabhängig von kommerziellen Interessen. Es entsteht ein schwieriger Spagat zwischen Erfüllung wirtschaftlicher Vorgaben und eigenen ethischen Prinzipien medizinischen Handelns. Eine ökonomisierte Medizin ist ein Oxymoron. Besonders vor diesem Hintergrund ist es wichtig, die Spannung in der Medizin als solche zu erkennen und zu versuchen, das eigene medizinische Handeln unter großem Verantwortungsbewusstsein vertreten zu können. 

Vielen Dank an Josephine für die Eindrücke, wir wünschen ihr alles Gute für ihren weiteren Lebensweg.

Falls du noch mehr von Josephine lesen möchtest, hier findest du ihren Erfahrungsbericht über ihr PJ in Tansania.

Eure Josephine,
Ärztin, Interviewpartnerin und ehemalige Medizinstudentin an der Universität Würzburg