Meine Famulatur in Bremen

Eins steht fest Hausarzt ist nicht gleich Hausarzt, das durfte ich bei meiner Famulatur in Bremen feststellen.
Der Begriff Famulatur dürfte den meisten Medizinern wohl geläufig sein. Einige Patienten hingegen schauten mich oft fragend an, wenn ich mich als neue Famulantin in meiner Praxis vorstellte. Letztendlich ist es nichts anderes als ein Praktikum. Aber: 30 Tage am Stück müssen es sein. Vier insgesamt, zwei davon im Krankenhaus, eine beim Allgemeinmediziner:in und eine weitere im ambulanten Bereich gilt es in den Semesterferien zu absolvieren.

Einige von euch haben mich vielleicht schon durch meinen ersten Erfahrungsbericht besser kennengelernt. Und diejenigen von euch vermuten dann absolut richtig, dass ich als Würzburgerin die Gunst der Stunde gerne nutze, um während meiner Famulaturen das Maintal zu verlassen, um andere, spannende Ecken Deutschlands kennenzulernen. Vergangenen September ging es gemeinsam mit meinem Freund an den Chiemsee. Diesen März buchte ich alleine mein Zugticket nach Bremen. Aber wie kam ich denn darauf meine Hausarzt Famulatur in Bremen zu machen?

Das gesamte Aquarium im Blick

Die kurze Version: Ich habe dort einen sehr spannenden Allgemeinmediziner ausfindig gemacht. Die lange Version: folgt in den nächsten Zeilen.

Im vergangenen Jahr arbeitete ich bei einem Start-up. Dessen Ziel war es, der biologischen Medizin einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft zu verschaffen. Biologische Medizin – was ist das denn? Um das einfach zu verstehen, stellen wir uns ein Aquarium mit vielen bunten Fischen vor. Ein Fisch steht z. B. sinnbildlich für die Haut. Der Nächste repräsentiert den Magen-Darm-Trakt. Und ein Weiterer symbolisiert die Lunge. Für jeden Fisch gibt es einen ganz speziellen Experten, falls er krank werden sollte. Und zwar wäre das in diesem Beispiel ein Dermatologe, ein Gastroenterologe oder eben ein Pneumologe. Hat unser Fisch Neurodermitis, eine chronisch entzündliche Darmerkrankung oder Asthma, dann schicken wir ihn zum entsprechenden Facharzt. Und dieser gibt natürlich sein Bestes um den Patienten, unseren Fisch, bei seiner Genesung zu unterstützen.

Aber immer wieder gibt es sehr herausfordernde Fälle, wo die Erkrankung einfach nicht heilen möchte. Oder wo mit der Zeit eine weitere chronische Erkrankung im Anmarsch ist, sinnbildlich also der nächste Fisch im Aquarium erkrankt. Doch woran könnte das nun liegen? Womöglich liegt das Problem nicht im Fisch per se, sondern im Aquariumwasser, in dem er und seine Fischfreunde schwimmen. Wenn das schmutzig ist, kann man sich noch so sehr um den einzelnen Fisch bemühen, er wird und wird einfach nicht gesund. Oder mindestens genauso schlimm, es erkranken immer mehr Fische im Aquarium. Und genau hier setzt die biologische Medizin ein. Sie versucht nicht nur den einzelnen Fisch im Aquarium, sprich das einzelne Organ in unserem Körper zu betrachten, sondern das gesamte System.

Und was bedeutet nun schmutziges Aquariumwasser im übertragenen Sinn?
Wann sind die Bedingungen in unserem Körper denn so, dass die Prozesse eben nicht mehr wie am Schnürchen laufen können?

Zum Beispiel wenn es an bestimmten essenziellen Nährstoffen mangelt. Unsere Organe – die Fische – können dann ihre biochemischen Stoffwechselprozesse nicht optimal ablaufen lassen. Oder die Zellen können nicht mehr optimal aufgebaut bzw. ausgestattet sein. Es hakt hier und da und der Körper beginnt aufgrund der vielen Mängel in einen Improvisationsstoffwechsel überzugehen. Dann ist es kein Wunder, dass mit der Zeit die ein oder andere Erkrankung im Anmarsch ist. Eine andere Möglichkeit wäre z. B., dass das Gleichgewicht zwischen unseren „guten“ und „schlechten“ Darmbakterien – Stichwort Mikrobiom – ins Wanken geraten ist. Folglich kann die Darmwand löchrig werden („Leaky Gut Syndrom“). Dadurch kann die so wichtige Barriere verloren gehen. Das heißt Stoffe gelangen in unseren Körper und rufen Immunreaktionen hervor, die wohl besser draußen geblieben wären.

Es gibt viele verschiedene Hebel, an denen man ansetzen könnte, um das Aquariumwasser dauerhaft sauber und damit alle Bewohner gesund zu halten. Und biologische Mediziner versuchen sich genau darum zu kümmern. Das heißt, die Ursache für die vielfältigen Symptome zu erforschen und den Körper bestmöglich zu unterstützen, wieder ins Gleichgewicht zu gelangen.

Mein Weg in den Norden

Und wie bin ich nun auf meine Famulatur in Bremen gestoßen? Während meines damaligen Nebenjobs war es hauptsächlich meine Aufgabe, passende biologische Mediziner deutschlandweit zu rekrutieren. Unter den vielen Ärzten blieb mir ein bestimmter aus Bremen, ein Spezialist für Mitochondrienmedizin, besonders nachhaltig in Erinnerung. Wie es der Zufall so will, empfahl mir meine damalige Famulatur-Ärztin im September einen Online-Fortbildungsvortrag über Mitochondrienmedizin. Und wer könnte diesen gehalten haben? Genau der besagte Arzt aus Bremen. Ich war von seiner Expertise begeistert! Daher schickte ich wenige Tage später meine Bewerbung ab. Schon kurz darauf war meine nächste Famulatur in trockenen Tüchern. Ein passendes Airbnb in der Umgebung hatte ich zum Glück auch flott gefunden.

Ich freute mich riesig! Zum einen konnte ich es kaum erwarten, die vielen theoretischen Inhalte endlich in der praktischen Umsetzung zu erfahren. Zum anderen hatte ich so trotz Corona-Lockdown die Möglichkeit, den Norden unseres Landes besser kennenzulernen. Denn wesentlich nördlicher als Frankfurt war ich als Süden-Liebhaber noch nicht allzu oft gekommen.

Mito – was?

Mitochondrienmedizin, damit können wahrscheinlich nur wenige etwas anfangen. Mitochondrien, das sind die kleinen Kraftwerke in unseren Zellen. Ihre Aufgabe ist es, Energie in Form von ATP herzustellen. Dadurch halten sie jegliche energiefordernde Prozesse in unserem Körper am Laufen. Sind sie (aus welchen Gründen auch immer) in ihrer Funktionsweise beeinträchtigt, steht es um uns offensichtlich nicht allzu gut. Störungen in der Energiegewinnung und damit unserer Zell- und Organleistung sind die Folge. So kann dann unser Immunsystem, unser Hormonsystem, unser Nervensystem und auch alle anderen Organe nicht mehr in Topform arbeiten. Außerdem können wichtige Reparaturmechanismen gestört sein. Dadurch können sich die Zellen und umliegendes Gewebe nicht mehr optimal regenerieren.

Das alles kann langfristig zu diversen Erkrankungen führen. Hierfür gibt es bereits zahlreiche Belege. Chronische Erschöpfungssyndrome oder Burnout, neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder ALS oder Allergien und Autoimmunerkrankungen können durch nicht mehr optimal arbeitende Mitochondrien zum großen Teil mitverursacht werden. Nimmt man die Mitochondrien in den Blick, kann man womöglich auch die Ursache der Erkrankung behandeln. Das Ziel der Therapie ist es also den fehlgeleiteten Stoffwechsel der Zelle insbesondere der Mitochondrien wieder zu regenerieren.

Und wie stellt man das an? – die Therapie

In einem langen, ausführlichen Erstgespräch machte sich mein Arzt zunächst ein umfassendes Bild von der Erkrankung seines Patienten. Je nach Beschwerden, da waren zum Teil einige an der Zahl, wurden eine Vielzahl spezieller Laborparameter aus Blut, Stuhl und Urin erhoben. Dadurch ließ sich die derzeitige Zell- und Mitochondrienfunktion ableiten und letztendlich vorhandene Mängel aufdecken. Ziel war es zu erkennen, warum die verschiedenen Prozesse im Körper nicht mehr wie am Schnürchen laufen und sich im Laufe der Zeit in Krankheiten manifestierten. Und hier muss ich eins einwerfen: So blöd Biochemie manchmal zum Lernen war, so wichtig ist es doch! Denn wir haben regelmäßig auf gelernte Stoffwechselprozesse und Reaktionen Bezug genommen. Von der Lactat-Produktion über anaerobe Glykolyse, über die Atmungskette bis hin zur Entgiftung mittels Glutathion. Wenn es dem Körper an bestimmten Cofaktoren, Fett- oder Aminosäuren fehlt, kann all das nicht mehr optimal ablaufen. Logisch!

Die Therapie an sich lief sehr individuell ab, je nach zugrundeliegender Störung der Zell- bzw. Mitochondrienfunktion. Ernährungsumstellungen, Darmtherapien, die Ergänzung von mangelnden Mikro- und Makronährstoffen, wie auch Vitalstoffen, Infusionstherapien oder viele weitere individuelle, unterstützende Therapiekonzepte standen auf der Agenda. Und eins lässt sich sagen: Erfolg hatten viele der Patienten mit der individuellen, ursachenorientierten Herangehensweise. Lange chronische Leiden besserten sich zum Teil enorm. Durch die zunehmende Bekanntheit des Arztes u.a. dank seines erfolgreichen Youtube-Kanals und Mundpropaganda reisten Patienten sogar aus Bayern oder Österreich hoch zu ihm in den Norden. Die nächsten Neupatienten können aufgrund des fast platzenden Terminkalenders erst im November wieder aufgenommen werden. Sprich: das Konzept funktioniert, und wie!

Zwischen Patientengesprächen, Dokumentation und Blutabnehmen

Und was habe ich eigentlich den ganzen Tag über getrieben? Entweder lauschte ich den sehr spannenden Patientengesprächen, die gut und gerne bis zu 60 oder 90min in Anspruch nahmen. Aber auch bei einigen gängigen Behandlungen, wie Ultraschall- und neurologischen Untersuchungen oder Wundversorgungen durfte ich über die Schulter spitzen. Außerdem wertete ich die seitenlangen Laborbefunde aus und verfasste einen für den Patienten verständlich aufbereiteten, ausführlichen Befundbericht. Oder ich durfte Infusionen vorbereiten, Zugänge legen und Blut abnehmen. Eins kann ich sagen: langweilig wurde es definitiv nicht! Das junge Team war super nett und gliederte mich schnell in die Gemeinschaft ein. Geduldig wurden mir die verschiedenen praktischen Fertigkeiten gezeigt oder die diversen Therapien erklärt. Alles in einem kann ich sagen, dass ich in der Zeit sowohl theoretisch, als auch praktisch sehr, sehr viel gelernt habe.

Und für meine Gesundheit durfte ich sogar auch etwas tun. Meine eigenen Blutproben wurden eingeschickt und ausgewertet. Außerdem durfte ich die ein oder andere Therapie selbst über die gesamte Zeit ausprobieren. Und für das wöchentliche Sportprogramm auf der Terrasse mit Personal Trainer für alle, die Lust am sporteln hatten, wurde auch gesorgt.

Auf zu den Bremer Stadtmusikanten

Die freien Wochenenden nutze ich gerne um den mir noch ziemlich unbekannten Norden zu entdecken. Ausflüge nach Hamburg, Bremerhaven, Oldenburg oder Hannover standen auf der Tagesordnung. Aber auch das wunderschöne Bremen durfte selbstverständlich nicht im Sightseeing Programm fehlen. Wenn eine Stadt selbst unter Lockdown-Bedingungen bei schmuddeligem, nordischem Winterwetter solch einen Charme versprüht, dann muss es sich wahrhaftig um eine tolle Stadt handeln. Vorbei an den Bremer Stadtmusikanten, schlängelte sich mein Weg durch das mittelalterliche Schnoor-Viertel bis hin zum Weser-Stadion. Jeder Straßenzug war ein Highlight! Wenn die Umgebung für mich als Berge-Liebhaberin nur nicht so flach und das Wetter im Winter nicht so stürmisch und verregnet wäre, könnte ich mir ein Leben dort oben durchaus sehr gut vorstellen.

Abschließend kann ich euch wirklich sehr ans Herz legen, die Famulaturen zu nutzen um Pflicht mit Urlaubsfeeling zu verknüpfen. Es gibt bestimmt noch so viele spannende Ecken im In- und Ausland, die nur darauf warten von euch entdeckt zu werden! Seid ihr gerade auf der Suche nach ein paar Inspirationen für eine Famulatur in der Ferne? Dann kommt doch gerne zur nächsten Infoveranstaltung der jungmediziner im Herbst. Hier werdet ihr viele hilfreiche Tipps und Tricks für eure perfekte Auslandserfahrung an die Hand bekommen.

Ein Blick über den Tellerrand

Dass Hausarzt nicht gleich Hausarzt ist, konnte ich euch hoffentlich mit meinem Erfahrungsbericht zeigen. Gerade in der so breit aufgestellten Allgemeinmedizin, können sich Ärzte je nach Interesse in den verschiedensten Bereichen weiter spezialisieren. Sei es die Sportmedizin, Ernährungsmedizin, Naturheilverfahren oder eben doch die Mitochondrienmedizin. Die Pflichtfamulatur beim Hausarzt muss auf keinen Fall langweilig sein. Ganz im Gegenteil! Sie eignet sich meines Erachtens nach hervorragend, um den eigenen Blick zu weiten und über den Tellerrand zu blicken. Horcht einfach in euch hinein, welches Zusatzfeld euch noch interessieren könnte und sucht euch den für euch passenden Hausarzt heraus.

In diesem Sinne wünsche ich euch alles Gute und viel Erfolg bei der Suche einer mindestens genauso spannenden Famulatur wie bei mir in Bremen!

Eure Marleen,
Medizinstudentin an der Universität Würzburg und Campus Captain bei jungmediziner.de