Mareike in den Bergen

Erfahrungsbericht: Aachen während Corona

Neu ist sie. Komplett neu. Die Herausforderung, vor die uns das SARS-Cov2-Virus momentan stellt, scheint kaum einer bisher so erlebt zu haben. Zumindest die „jüngeren“ Jahrgänge, die weder mit Krieg noch der Nachkriegszeit konfrontiert wurden, kennen großartige Ausnahmezustände wohl kaum in dieser Art. Der Wirtschaft ging es in den letzten Jahren, wenn man es grob betrachtet, dafür einfach „zu gut“.

Die Ungewohntheit der aktuellen Situation wirft bei vielen totale Unsicherheit auf. Aber so ist der Mensch, wenn er etwas noch nicht kennt und Fragen kommen auf.
Wie geht es weiter? Wann darf ich wieder uneingeschränkt vor die Tür und stürzen wir in eine riesengroße Wirtschaftskrise?

Na, wo warst du während Corona?

Wir alle stehen somit momentan vor einem ausgesprochen großen Fragezeichen, das auch so schnell nicht verschwinden wird. Inmitten dieser ganzen Suppe aus kompletter Ahnungslosigkeit befindet sich mittlerweile vermutlicher fast jeder an dem Ort, den er nach dieser ganzen „Krise“ auf die Frage „Na, wo warst du während Corona?“ nennen wird.

Meine Antwort: Aachen. Denn hier halte ich mich aktuell auf und mache Famulatur in einer Hausarztpraxis.
Insofern, „noch“, denn meine Praxis hat noch nicht zu.
An sich ist das erstaunlich, da nun mal Heinsberg nicht mehr als 32 km entfernt liegt. Aber ja, noch arbeite ich.
Was ich während meiner Famulatur gelernt habe und wieso ich nicht glaube, dass ich später in die Allgemeinmedizin möchte, könnt ihr dabei gerne in meinem nächsten Bericht lesen. Jetzt dreht sich dieser natürlich erstmal um das zentrale Thema.

Klopapier.
Und ein bisschen Corona.

Leere Regale

Auch in Aachen steht man, sofern man nachmittags einen ganz normalen Einkauf machen möchte, vor teils leeren Regalen. In der WG, in der ich für meine Famulatur untergekommen bin, neigte sich vor einer Woche die vorletzte Rolle Klopapier dem Ende zu. Kein Problem, weil noch eine da ist? Falsch gedacht. Denn wenn man in der Wohnung zu fünft ist, scheint jedes Blättchen nochmal das dreifache an Wert zu gewinnen.

So zog einer der Mitbewohner los und klapperte drei Supermärkte ab, nur um mit theatralisch hängendem Kopf zu verkünden, er hätte keine einzige Rolle gefunden. Kein Problem, denn die netten medizinischen Fachangestellten meiner Praxis erfuhren von unserer Notsituation und gaben mir vorsorglich zwei Rollen aus der Praxis mit.

Auf dem Rückweg an jenem Tag der „unglaublichen Güte meiner Mitmenschen“ wurde ich in einem Aldi doch fündig und ergatterte noch eine 4er-Packung. Ein großer Endorphin-Schub und gute Laune für zwei Tage wären gesichert gewesen, wäre da nicht ein Hamsterkäufer an der Kasse hinter mir. Er erspähte das Klopapier in meiner Hand und ehe ich mich versah, machte er den Ursprung dessen ausfindig. In nicht mal 20 Sekunden bereicherten fünf Packungen das Kassenband neben den zehn Taschentücher- und sechs Küchenpapier-Paketen. Den Rest des Einkaufswagens vergessen wir mal.

Ja schön! Im Nachhinein ärgere ich mich noch immer, nichts gesagt zu haben. Aber sind wir mal ehrlich, sollte ich den Fehler jetzt bei mir suchen?

Leere (Straßen)

In den ersten Tagen, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen (tatsächlich war es Anfang März), da schien alles noch so harmonisch. Die Menschen auf den Straßen, geöffnete Geschäfte. Corona war zwar schon in Deutschland angekommen und nur 32 km entfernt, aber soweit war alles noch in Ordnung.

Ich kann von Glück reden, dass diese WG mit etwas Unbezahlbaren ausgestattet ist. Einem Balkon. Seit ich eigentlich nur noch zum Einkaufen und Joggen draußen bin, kann ich neben der sportlichen Aktivität zumindest ein Stück Außenwelt mitnehmen, ohne ein schlechtes Gewissen wegen möglichen Kontakts zu Mitmenschen zu haben. Diesen Luxus hat momentan nun mal nicht jeder.


Also setze ich mich in meiner freien Zeit nach der Famulatur gerne nach draußen und übe Schwedisch-Vokabeln oder versuche mich an einem der ersten Bücher, die ich ewig schon mal lesen wollte, aber „nie Zeit“ hatte.
Schweift der Blick auf die Straßen (die WG liegt in der Innenstadt) so sieht man mittlerweile im sonst lebhaften Zentrum nahezu gänzliche Leere. Fast so, wie man sich selber fühlt.
Da wird einem plötzlich bewusst, was für eine Qualität das normale Alltagsleben doch hat.
Weil Aachen jetzt nicht die größte Stadt ist, bleibt der Unterschied aber noch im Rahmen. Da können die Berliner, Pariser, New Yorker… noch ein ganz anderes Lied von singen.

Umgang mit der Situation

So skurril und schwierig die Situation aber sein mag. Das einzige was momentan hilft, ist positiv bleiben. Diesen Rat kann ich allgemein bei jedem auch nicht-Corona-assoziierten Problem geben. Fakt ist, jeder steckt gerade in der derselben Misere, zumindest was die Alltagsbeschränkungen mit Quarantäne etc. angeht. Um die eigene Gesundheit zu stärken, sollte man also versuchen, den Stress – so weit es geht – zu reduzieren. Nicht nur fürs Allgemeinwohl sondern weil Stress bewiesenermaßen das Immunsystem schwächt und das ist das Letzte, was man aktuell gebrauchen kann.

Ansonsten gilt: Sofern es bei euch aktuell finanziell nicht den Bach runtergeht (weil Wirtschaft und so), seht das momentan als Langzeit-Kur/Reha und macht die Dinge, für die ihr sonst „nie Zeit“ hattet. Lesen, Sprachen lernen, Sport machen (wenn auch größtenteils alleine), backen, kochen, Instrumente üben. Die Zeit, die wir momentan drinnen verbringen müssen, bekommen wir so bald nicht mehr. Denn wenn das Alltagsleben wieder einsetzt, dann geht es auf andere Weise drunter und drüber.

Falls Probleme auftreten rauszufinden, wieso und was ihr während eurer Quarantäne machen sollt, stellt euch einfach die Frage: „Wenn alles vorbei ist, was werde ich dann bereuen, nicht getan zu haben, als ich die ganze Zeit hatte?“


Ich für meinen Teil…

…werde zumindest meine letzte Woche Famulatur hier absolvieren, weiterhin fleißig Schwedisch lernen und hoffentlich das erste Buch seit Jahren zu Ende lesen. Danach werde ich sehen, wie ich mit möglich wenig Kontakt nach Würzburg zurückkomme und hoffen, dass ich bis dahin eine Stelle am Uniklinikum gefunden habe, bei der ich meinen Beitrag als Medizinstudent mit Know-How leisten kann.

Hoffen wir das Beste, für uns alle.

Bis dahin: Seid fleißig und bleibt gesund.

Eure Mareike
Medizinstudentin an der Universität Würzburg und jungmediziner.de Campus Captain

P.S. Die zwei Rollen Klopapier aus der Praxis habe ich in der Zwischenzeit selbstverständlich wieder erstattet. Vierlagig!