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Erfahrungsbericht: Studieren in Würzburg

Würzburg ist unbekannt. Ich habe bei meiner Wahl meiner neuen Heimat nur aus Zufall Würzburg gewählt. So ging es auch vielen meiner Kommilitonen. Die wenigsten denken an die Stadt in Unterfranken, die in Bayern liegt aber eigentlich nicht zu Bayern gehören will. Ich wollte lieber an eine Uni mit Elite Status. Googlete nach Rankings und Berichten. Ließ mich von imposanten Hörsälen blenden und wählte letztlich Tübingen; zog die Bewerbung zurück und bewarb mich erneut – diesmal in Münster. Dass ich nun aber in Würzburg gelandet bin, verdanke ich dem komplizierten Auswahlsystem.

Das Verfahren sieht vor, dass Bewerber sich auf Hochschulstandorte festlegen und dabei taktisch vorgehen. Es ist zum Beispiel nicht möglich, sich bei mehr als einer hand-voll Unis für ein Semester zu bewerben.
Außerdem muss man priorisieren, da besonders die Hochschulen mit vielen Bewerbern nur Bewerbungen akzeptieren, wenn sie bei der Wahl des Ortes auf Platz 1 landeten. Und als wäre das noch nicht genug, hat jede Uni auch noch ein eigenes Auswahlverfahren. Manchmal entscheidet nur die Abinote, manchmal bestimmen aber auch berufliche Vorerfahrung oder medizinische Tests den weiteren Verlauf.

Ich hatte damals für all das keine Zeit. Nach dem Abitur blieben mir nur einige Tage bis zum Bewerbungsschluss. Ich wählte also auf Platz 1 eine Uni, bei der ich mir sicher war, genommen zu werden (ich wurde nicht genommen) und überließ den Rest mehr oder weniger dem Zufall. Von Würzburg hatte ich schon einmal gehört: Meine Mutter und mein Onkel waren beruflich dort. Ich hab auch eine Cousine, die in Würzburg ihr Abitur macht. Mir reichte das, um Würzburg auf Platz 2 zu setzen. Die nachfolgenden Plätze erfuhren bei ihrer Wahl noch mehr Willkür. Als ich dann im April 2017 im Frühdienst meines Pflegepraktikums arbeitete, bekam ich Post: Eine Zusage aus Würzburg.

Nun kann man sagen was man will, aber ganz sicher nicht, dass Würzburg zurecht unbekannt ist. Mittlerweile habe ich mir ein umfassendes Bild von der Stadt verschafft. Sie liegt bei Unirankings immer auf den vorderen Rängen und ist eine der wenigen Hochschulen ohne Elitestatus, die eine herausragende Uniklinik besitzen. Und wenn man sich mit Zahlen beschäftigen möchte, findet man im Netz viele, die absolut für Würzburg sprechen: Über 95% der Studenten schaffen das Medizinstudium in unter 15 Semestern. Deutschlands Bestwert!

Aber noch viel wichtiger ist das Leben in der Stadt am Main. Würzburg ist wunderschön. Wirklich. In den ersten Monaten kam mir das Leben hier vor, wie Urlaub. Man sieht in der pulsierenden Innenstadt überall historische Gebäude und lässt man den Blick über die Dächer schweifen, kann man gefühlt 120 Kirchtürme zählen. Die Residenz ist so groß wie das Schloss Versailles und der Main fordert einen quasi zum (Nacht-) Schwimmen auf. Die Weinberge liefern die passende Erfrischung für danach. Oder man trinkt Helles. Was etwas komplett anderes ist, als Weizen, wie ich schnell gelernt habe. Das Essen ist super und die Clubs auch innerhalb der Woche voll, nicht alle, aber manche.

Dass man das alles genießen kann, liegt auch in den kurzen Wegen durch die Stadt und in die Uni. Große Städte winken mit langen Aufenthaltszeiten in den Öffentlichen. In Würzburg ist das, auch dank der manchmal vielleicht etwas geisteskranken Busfahrer, nicht der Fall. Außerdem ist der Wohnraum vergleichsweise bezahlbar. Es gibt viele Mensen, einige davon prämiert. Ich mag die Stadt. Ständig kommen einem lächelnde Fahrradfahrer entgegen und man weiß nicht genau warum, aber ist auch egal. Es ist einfach schön hier zu leben und ich bin wirklich froh, dieses Los gezogen zu haben – obwohl ich natürlich meine Heimat vermisse. Doch ich mag den Kontrast zum Ruhrgebiet und freue mich auf die nächsten Jahre hier in Unterfranken, die ich dem komplizierten und vom Bundesverfassungsgericht als „nicht mit dem Grundgesetz zu vereinbaren“ Bewerbungsverfahren zu verdanken habe.