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Erfahrungsbericht: Der Präpkurs in Würzburg

Die ersten Fragen, die mir gestellt werden, wenn ich jemandem erzähle, ich sei Medizinstudent, drehen sich in aller Regel um das Thema Leichen und Tod. “Marvin, hast du schon jemanden obduziert?”, “Schneidet ihr schon am Anfang Menschen auf?”, “Bluten die Körperspender stark?” Man hört schon eine ganze Menge Geschichten über den Präparierkurs. Aber wie läuft es eigentlich wirklich ab?

In Würzburg startet der sogenannte Präpkurs immer im Winter. Das bedeutet, dass man frühestens im zweiten und spätestens im dritten Semester mit Leichen arbeitet. Die meisten Studenten sind dann nicht älter als 20 und haben zu dem Zeitpunkt noch nicht sehr häufig über den Tod nachdenken müssen. Zwangsläufig fragt man sich, wie man also auf diese Situation reagieren wird. Auch ich dachte mir: “Hoffentlich kippst du nicht um, Marvin”.

Um den Präparierkurs ranken sich viele Mythen. Viele glauben, dass ein Raum voller Leichen stinken muss, da alles nach Verwesung riecht. Man hat auch eine bestimmte Vorstellung von der Optik der toten Menschen im Kopf. Und ich habe Geschichten aus höheren Semestern gehört, Studenten hätten sich vor ein paar Jahren einen Spaß erlaubt, indem sie mit geklauten Körperteilen der Leichen auf dem Unigelände rumgerannt seien.

In mir stieg die Spannung.

Ich bekam am Anfang des 2. Semesters meinen Stundenplan. Kursus Makroskopische Anatomie stand dort. 2 mal die Woche. Jeweils Montag und Freitag von 13:30 Uhr bis 17:15 Uhr. Im kommentierten Vorlesungsverzeichnis und auf der Internetseite des Anatomischen Instituts habe ich dann Details erfahren. Ich brauche einen Kittel, ein scharfes Skalpell, mehrere Klingen, diverse Pinzetten, Handschuhe und jede Menge Tücher. Diese seien äußerst wichtig. Man will ja nicht auf dem Fett ausrutschen hieß es. Das verstand ich noch nicht. Wir mussten uns auch das sogenannte Praktikumsskript besorgen, welches uns auf die jeweiligen Kurstage vorbereiten sollte. Ergänzend dazu Fachliteratur: Sogenannten Atlanten – also Büchern, die die komplette Anatomie des Menschen illustrieren und beschriften. Richtig fette Bücher sind das. Ich bekam außerdem Informationen über die Aufteilung des Kurses. So wurde ich einer Gruppe aus Kommilitonen zugeteilt, mit der ich übrigens sehr zufrieden war. Auch erfuhr ich meinen Dozenten. Das war sehr spannend, da man schon viele Geschichten hörte über lässige aber auch anstrengende Anatomen. Ich und meine Gruppe bekamen den Leiter des Instituts zugeteilt. Gut oder schlecht? Wir waren uns darüber nicht einig. Kurstage in der Anatomie haben immer 2 Teile. Der erste Teil ist an der Leiche und der zweite an einem großen Tisch, zusammen mit einem Tutoren. Man lernt dort jede Menge Theorie.

Der erste Präptag ist besonders. Ich weiß noch sehr genau, wie ich im Raum mit ca. 20 Tischen und über 100 Personen stand. Wir sahen noch keine toten Menschen, aber was auf den Stahltischen unter den Tüchern eindeutige Konturen auf diese abzeichnete, sah verdächtig danach aus, als würde sich das gleich ändern. Es folgte eine kurze Einweisung und fast zeitgleich wurden die Leichen aufgedeckt. Nasse Tücher, klitschnass vom Formalin bedeckten gerade noch die Körper und waren nun in diesem Moment auf dem Weg, in große Plastikeimer verstaut zu werden. Ich hatte das erste mal freie Sicht auf den Menschen, der sich noch zu Lebzeiten dazu entschied, nach seinem Tod auf diesem Tisch zu liegen. Dieser Mensch erlaubte mir, die nächsten Monate an ihm die Anatomie zu studieren. Warum sie das täten, kam unweigerlich als Frage auf. In der Einweisung wurde uns gesagt, dass die Menschen sich dazu meist aus denselben Motiven entschieden. Entweder sind sie selbst im Gesundheitswesen aktiv gewesen oder aber verdanken diesem sehr viel.

Nun steht man dort, versucht zu begreifen und zu fassen. Ein Mensch, der ganz anders aussieht, als man es sich vorgestellt hat. Die Farbe sieht unnatürlich aus. Es überwiegen gelb und hell braune Töne. Der Geruch ist chemisch, sehr beißend und penetrant. Keine Spur von Verwesung, kein Blut. Keine normale Hautfarbe. Kahlgeschorene Köpfe und Personen, die sehr alt geworden zu sein scheinen. Tausend Fragen gingen mir durch den Kopf. Auch, wie dieser Mensch lebte und was ihn tötete. Aber sehr sehr schnell galt mein kompletter Fokus dem Dozenten, der bereits anfing, uns mit Fachwissen zu bombardieren. Ich wurde aus meiner Gedankenwelt gerissen. Was auch gut war. Ich hätte mich sonst mitreißen lassen und zu sehr hineingesteigert. Kurz darauf fingen wir an, unsere Werkzeuge zu benutzen. Und ich lernte auch sehr schnell den Nutzen der anfangs genannten Tücher. Wir verbrachten Stunden damit, den offenen Körper von Fett zu befreien. Es ist unglaublich, wie viel Fett in einem Körper steckt, der nicht im Ansatz adipös wirkt. Das Fett versperrt die Sicht auf wichtige Gefäße, Muskeln und andere Strukturen, wie Faszien, Nerven, Knochen und später auch Organe. Also verbrachten wir den Großteil der Zeit damit, Fett zu entfernen und jede Menge Fachwissen über jeden kleinsten Winkel des Körpers aufzusaugen. Frühestens zu Hause hat man Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Antworten auf die Fragen zu finden. Aber viele gestellt, habe ich mir eigentlich nicht. Zu rasant wich die Faszination der eintönigen Arbeit. Zu wichtig war es, jegliche Arterie mit ihren Verästelungen zu kennen. Zu wenig wurde uns über den Menschen mitgeteilt, der seinen Körper der Wissenschaft spendete.

Es ist unglaublich, wie schnell man sich an die Arbeit mit Leichen gewöhnt, wenn man den Kopf nicht frei hat, um zum Beispiel zu philosophieren. Das soll aber nicht heißen, dass wir abstumpfen. Wir lernen nur sehr sehr schnell zu differenzieren. Und das ist glaube ich auch eine wichtige Eigenschaft für uns im späteren Alltag als professionelle Ärzte. Zu Hause aber werden bei dem einem oder anderen aber sicherlich die Emotionen hochgekommen sein und spätestens jetzt denkt man intensiv über den Tod nach. Ganz sicher.

Euer Marvin
Medizinstudierender an der Universität in Würzburg und jungmediziner.de Campus-Captain